Ich habe es mir spaßiger vorgestellt.

Mein Mann hat meinem Sohn letztes vorletztes Jahr zu Weihnachten ein Modelleisenbahn-Starterpaket geschenkt. Er hatte es sich nicht gewünscht, aber es erweckte in ihm eine Modelleisenbahn-Leidenschaft. Er wälzte Kataloge, besuchte gemeinsam mit meinem Mann eine Messe und entwickelte große Pläne. Einer davon lautete: „Ich möchte einen Berg bauen!“ Die Platte, auf der die Eisenbahnschienen und Co. aufgebaut sind, ist ca. 1 x 2 m groß. Ich zweifelte daran, dass dort ein Berg genug Platz haben würde, hielt mich aber raus. Nachdem mein Sohn meinem Mann sehr lange mit seinem Vorhaben in den Ohren lag, ist er mit ihm losgezogen, um die Dinge, die man für den Bau eines Berges benötigt, zu kaufen. Erstaunlich, was man dazu alles braucht (meine Meinung). Aber Hauptsache war, dass es endlich losging! Heute stand Arbeitsschritt 3 an. Papierstreifen mit Kleister auf die Grundform des Berges kleben. Nachdem mein Mann die Arbeitsschritte 1 und 2 fast alleine durchgeführt hatte, war nun mein Sohn dran. Nach ca. fünf Minuten stand mein Sohn mit zusammengekniffenen Augenbrauen vor mir, Spuren von Kleister auf seinem T-Shirt. Ich fragte ihn: „Was ist los?“

Seine Antwort: „Ich habe mir das spaßiger vorgestellt!“

Monatelang träumt mein Sohn davon, einen Berg zu bauen und jetzt, wo er seinen Plan endlich umsetzen kann, geht ihm nach fünf Minuten die Lust aus, weil er es sich spaßiger vorgestellt hat.

Im ersten Moment denke ich mir: „Ja, du hast vollkommen Recht, ich habe mir das alles insgesamt auch spaßiger vorgestellt.“ Das sage ich nicht, aber das was ich dann sage, hilft auch nicht. Was das genau war, weiß ich nicht mehr. Irgendwas elternmäßiges. „Jetzt macht es dir vielleicht keinen Spaß, aber stell dir doch vor, wie viel Spaß du haben wirst, wenn der Berg fertig ist.“

Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, wollte ich 800-Meter-Läuferin werden. ‚Damals‘ verfolgten wir noch jede Deutschland-, Europa- und Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele live am ‚Bildschirm‘. Unser TV-Gerät war zugegebenermaßen sehr klein und wir saßen mit sehr großem Abstand ‚davor‘ (wegen der Augen, die eckig werden könnten und so).  Jedenfalls sah das mit dem Laufen im Fernsehen wirklich sehr, sehr einfach aus. Die 400-Meter-Bahn erschien sehr, sehr klein und die SportlerInnen zogen so leichtfüßig ihre Runden, dass ich dachte: „So ein bisschen laufen, krieg‘ ich auch hin!“ Als ich dann zum ersten Mal auf einem Sportplatz war und sah, wie groß so eine Runde ist und ich zum ersten Mal so eine Runde lief und merkte, wie anstrengend das ist, beendete ich meine Sportlerinnen-Karriere, bevor sie begann.

Ich kann es absolut nachempfinden, dass mein Sohn frustriert ist. In der eigenen Vorstellung erscheint vieles so einfach. Georg Simmel hat es folgendermaßen formuliert:

„Wenn man eine Grundtatsache sucht, die als die allgemeinste Voraussetzung aller Erfahrung und aller Praxis, aller Spekulation des Denkens und aller Lust und Qual des  Erlebens gelten könnte, so wäre sie vielleicht so zu formulieren: Ich und die Welt.“
(Georg Simmel; Hauptprobleme der Philosophie; 3. Kapitel: Vom Subjekt und Objekt)

Die Welt kann den eigenen Vorstellungen Grenzen setzen. Oder sie beflügeln.

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