5. Teil – Briefe aus der Reha in Jetwede

let_go

Hallo meine Liebe!

Ich könnte dir so viel schreiben. Von der Stressbewältigungsgruppe, den endlosen Vorträgen, dem Reiten auf der Poolnudel während der Wassergymnastik, der Beschwerde eines anderen Patienten darüber, dass die Orangen so schwer zu schälen sind, den sich ständig wiederholenden Gespräche am Tisch und dem Handarbeitsmarkt.

Aber das hat alles so gar nix mit mir zu tun. Jeden Morgen stehe ich auf und sage mir: „Komm, nutz die Zeit! Mach das Beste draus!“ Aber ich will nicht mehr.

Hier ist ein junges Mädchen, das unter Fibromyalgie leidet, sie hat ständig Schmerzen, sie wird massiv von ihrem Vorgesetzten gemobbt und erfährt keinerlei Unterstützung durch ihre Kolleginnen oder ihre Familie. Aber sie will unter keinen Umständen ihren Job aufgeben. Warum? Ich kann das nicht verstehen. Warum lässt sie das mit sich machen? Ihr Job ist ihr wichtig, aber erklärt das, warum sie sich so quälen lässt? Ist denn ihr Leben nicht wichtiger (wie pathetisch das klingt)?

Susanne wird von ihrer Mutter nach Strich und Faden fertig gemacht. Sie wird von ihrer eigenen Mutter gemobbt. Als ich sie frage, warum sie das zulässt, sagt sie mir, dass ihre Mutter sonst niemanden hat. Ja, das ist doch auch kein Wunder! Wer will denn Zeit mit einer alten verbitterten und bitterbösen Frau verbringen?

Wenn ich mich im Speisesaal umschaue, frage ich mich, was die anderen Patientinnen und Patienten erleben oder erlebt haben. Was ist ihre Geschichte? Was hat sie hierher gebracht? Es ist doch verrückt, was die Menschen sich gegenseitig antun, was die Menschen mit sich machen lassen, was sie aushalten (müssen).

Ich bin nicht der Meinung, dass „jeder seines Glückes Schmied“ ist. So einfach ist es nicht. Aber ich steige hier aus. Ich habe einfach die Schnauze voll! Ich habe mich damit versöhnt, dass ich mich nicht mit meinen Eltern (und Geschwistern) versöhnen werde. Ich habe die Schnauze voll von meiner kranken Familie. Und dazu muss ich kein Bild mehr malen oder aus Ton einen Ball formen und auch nicht in der Gruppentherapie davon erzählen oder was weiß ich.

Die anderen können hier ihre Probleme wälzen und mit der Poolnudeln durchs Becken reiten. Und ich wünsche ihnen von ganzen Herzen, dass es hilft! Aber ich fahre nach Hause zu meinen Kindern und meinem Mann.

Wir sehen uns!

Advertisements
5. Teil – Briefe aus der Reha in Jetwede

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s