4. Teil – Briefe aus der Reha in Jetwede

Hallo meine Liebe!

Am Wochenende habe ich mich so sehr gelangweilt. Unglaublich! Jetzt habe ich Zeit für mich und ich langweile mich. Es ist nicht so, dass ich nichts gemacht hätte. Ich war schwimmen, ich war im sog. Kraftraum und habe trainiert, ich war auf dem Crosstrainer, ich war auf dem Ergometer, ich habe sehr viel gelesen und trotzdem verging die Zeit im Schneckentempo.

Den Kontakt zu den anderen Patientinnen vermeide ich weitestgehend. Wenn ich mal Gespräche im Vorbeigehen aufschnappe, wird fast immer gejammert. Bestimmt auch oft zu Recht, aber ich möchte das nicht hören. Ich habe nicht das Bedürfnis darüber zu diskutieren, wem es denn nun eigentlich  am schlechtesten geht.

Die Gestaltungstherapie war gut. Wir waren zu fünft, ausschließlich Frauen. Wir bekamen die Aufgabe den Satz „Ich liebe mich und akzeptiere mich, so wie ich bin. Bedingungslos!“ auf einen bunten Bogen Tonpapier zu schreiben. Als wir damit fertig waren, sollten wir auf schwarzes Papier schreiben, was uns davon abhält, diesen Satz zu leben. Ich tue mich sehr schwer mit solchen Dingen. Ich kann nicht spontan irgendwas aufschreiben, was mir durch den Kopf geht. Für mich sind solche Aufgaben wie ein Test, den ich bestmöglich bestehen will.

Dementsprechend schrieb ich in Sonntagsschrift auf das schwarze Papier: Leistungsorientierung, Perfektionismus und zu hohe Erwartungen an mich selbst. Die drei Punkte schnitt ich fein säuberlich aus und klebte sie auf den Bogen mit dem o.g. Satz.
Es war dann jedem selbst überlassen, ob in einer gemeinsamen Abschlussrunde über das Ergebnis gesprochen wird. Ich war damit einverstanden. Es ist pure Ironie, dass die anderen mich dafür lobten, wie schön und ordentlich mein Bogen wäre. Eine sagte sogar, dass sie gerne so weit wäre wie ich. Hahahaha! So weit wie ich. Ja, klar! Diejenige, die selbst in der Gestaltungstherapie, die Beste sein will.

Im Einzelgespräch mit meiner Bezugstherapeutin sprachen wir darüber. Sie sagte, dass ich Niederlagen nicht gewohnt wäre. Ich presste das Wort „Niederlagen“ über meine Lippen. „Ja, Niederlagen wäre ich nicht gewohnt, aber nicht weil ich alles geschafft habe, sondern weil ich allem aus dem Weg gegangen bin, bei dem ich befürchtete zu scheitern.“

Ja, so ist das wohl. Ich arbeite dran, das zu ändern.  Diesen Satz habe ich mir aufgeschrieben, damit ich ihn bei Bedarf lesen kann: „Es geht nicht darum, wie gut du etwas machst, sondern darum was du fühlst, während du es machst.“

Sehr schön war gestern Abend der Vortrag zum Thema „Gesunde Ernährung“ mit der Referentin, die ca. 20 kg Übergewicht hat. Sie erklärte uns eindringlich, dass wir nur „den kleinen Apfel“ essen sollen. Denn in Obst wäre viel Fruchtzucker, was viele unterschätzen würden. Zwei Portionen Obst am Tag und bitte nicht mehr. Ich sag es dir, der kleine Apfel war ein ganz großes Thema. Ja, ja, denn wer im Glashaus sitzt, der sollte auch wirklich nur mit möglichst kleinen Äpfeln werfen!

Was mache ich hier eigentlich? Ich will nach Hause. Bin ich nicht bereit, die viel beschworene Komfort-Zone zu verlassen? Oder bleibe ich hier, weil ich denke, dass es von mir erwartet wird? Ich glaube, ich werde es hier nicht mehr lange aushalten. Am Wochenende gehe ich mit Inge auf den Handarbeitsmarkt in der Wandelhalle. Weißt du, was eine Wandelhalle ist? Ich könnte jetzt schon schreien! Handarbeitsmarkt?

Liebe Grüße!

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4. Teil – Briefe aus der Reha in Jetwede

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