3. Teil – Briefe aus der Reha in Bad Jetwede

Hallo meine Liebe!

Wie geht es dir?

Im Speisesaal hat jeder einen fest zugewiesenen Sitzplatz. Offen gesagt, bin davon nicht begeistert. Es ist hier wie im Schullandheim! Ich nehme das als Herausforderung, Dinge so anzunehmen wie sie sind.

Im Speisesaal sitzen mind. 80 Leute. Frauenanteil ca. 90%. Es ist ein Gequatsche und Geschnatter, wie im Hühnerstall. Es ist so laut, dass ich kaum klar denken kann. Ich sitze gemeinsam mit Susanne, Meike und Inge an Tisch 35b. Susanne erinnert mich so sehr an meine älteste Schwester. Sie redet viel und laut, sie sieht so aus wie sie und ist im gleichen Alter. Grundtenor: alles doof, ich kann es aber nicht ändern, die anderen sind schuld.

Inge ist Krankenschwester, Anfang 60, und lässt sich die naturkrausen Haare schneiden, wenn der Mond im Löwen steht, da dann die Locken am besten fallen. Das finde ich so super, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Dass ich ihre Frisur furchtbar finde, sage ich natürlich auch nicht. Sie erinnert mich an meine Mutter. Sie kann alles, sie weiß alles, nur um sich selber kümmern, das kann sie nicht. Meike redet nicht viel. Sie hat vor Wut mit der Faust vor die Wand geschlagen und kann jetzt nur mit ihrer linken Hand essen. Darüber ist sie wütend. Ansonsten tut sie cool und abgeklärt. Wie meine ältere Schwester.

Zum Glück haben nicht sechs Leute am Tisch Platz, ich befürchte sonst könnten hier noch zwei Männer sitzen, die so sind wie mein Bruder und mein Vater. So stelle ich mir die Hölle vor, ich sitze mit meinen Eltern und meinen Geschwistern an einem Tisch. Bei einem ewig andauernden Abendessen an Heilig Abend, im Hintergrund läuft „White Christmas“ in der Dauerschleife. Bei der Vorstellung könnte ich schreien.

Susanne redet fast ununterbrochen. Sie ist sehr froh, dass eine Krankenschwester mit am Tisch sitzt, bei der sie medizinischen Rat einholen kann. Susanne hat seit Jahren Migräne und nimmt dagegen täglich starke Schmerztabletten. Zuhause hat ihr Arzt ihr Anti-Depressiva verordnet. Da sich durch die zeitgleiche Einnahme der beiden Präparate Wechselwirkungen ergeben haben, ist sie beim Frisör mit der Blondierung in den Haaren zusammengebrochen. Zum Glück konnte die Friseurin diese noch aus den Haaren waschen, bevor der Rettungswagen eintraf. Der Bestatter des Ortes, den sie seit langen Jahren kennt, hat ihr später versichert, dass er sie im Todesfall trotzdem noch richtig hübsch hergerichtet hätte. Das war sicherlich eine große Erleichterung für sie. Susanne ist u.a. hier, damit sie richtig auf die Anti-Depressiva eingestellt werden kann. Sie wiederholt gebetsmühlenartig, dass sie mit der Einnahme dieser erst beginnen kann, wenn sie die Schmerztabletten abgesetzt hat. Sie kann die Schmerztabletten aber nicht absetzen, weil sie Migräne hat. Wenn sie aber die Anti-Depressiva nicht nehmen kann, wird es ihr nicht besser gehen. Ihre Schlussfolgerung lautet, dass ihr keiner helfen will. Okay. Dann erzählt sie von dem Telefonat mit ihrer Mutter. Diese wirft ihr vor, dass sie so egoistisch sei, dass es unmöglich ist, dass sie einfach drei Wochen weg sei. Zum Schluss verabschiedet sie sich mit dem Satz: „Und friss nicht so viel. Du bist eh zu fett!“ Das sitzt – Schweigen am Tisch.

Oh, ich muss los. Ergotherapie, bei der Körbe geflochten bzw. Specksteine zu Seifenschalen oder Teelichthaltern geformt werden, steht leider doch nicht auf meinem Therapieplan. Dafür habe ich gleich zum ersten Mal Gestaltungstherapie. Was das wohl wird?

Liebe Grüße!

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3. Teil – Briefe aus der Reha in Bad Jetwede

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