2. Teil – Briefe aus der Reha in Bad Jetwede

Hallo meine Liebe!

Meine zukünftige Ex-Therapeutin war in manchen Dingen wirklich für mich sehr, sehr hilfreich. Viele Dinge konnte ich ändern. Mit ihr darüber zu sprechen, hat meine Gedanken sortiert, vieles wurde mir dadurch erst klar.

Aber leider ist oft dort, wo Licht ist auch Schatten. So sehr sie mich in manchen Dingen bestärkt hat, so sehr hat sie mich in anderen Dingen verunsichert.

Nach unserem ersten Gespräch muss ihr klar gewesen sein, dass ich nun, wo ich bei ihr bin, mein Trauma aufarbeiten muss! Vielleicht war auch ihr Ehrgeiz geweckt. Das ist ja durchaus auch wünschenswert, aber meines Erachtens hat sie sich irgendwann daran festgebissen. „Ich werde dieser Patientin helfen, ihr Trauma zu überwinden.“

Im Laufe der Therapie kamen bei mir Zweifel hoch. Trauma aufarbeiten um jeden Preis? Wenn ich innerlich diese Widerstände spüre, mir jede Zelle meines Körpers signalisiert, dass ich das nicht will, muss ich trotzdem dagegen ankämpfen?

Die Nachricht meiner Therapeutin war klar: Wenn ich nicht mir ihr gemeinsam die Büchse der Pandora öffne, wird etwas „Schlimmes“ passieren. Wenn ich nicht meine Vergangenheit aufarbeite, werde ich mein „Schicksal“ an meine Kinder weitergeben. Wenn ich mich nicht intensiv mit meinem Trauma beschäftige, bin ich nicht besser als meine Mutter.

Ja, es wäre zwar schon gut, dass ich offen darüber sprechen kann, aber ich würde alles rationalisieren. Ich wäre ihr härtester Fall. Niemals hat sie jemanden kennengelernt, der so sehr rationalisieren würde wie ich. Ich wäre bei ihr in einem geschützten Raum, ich könnte alles rauslassen. Ja, es wäre auch ein Fortschritt, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen habe, aber das Ziel wäre doch die Aussöhnung.

Meine Zweifel wurden immer größer. Ich fühlte mich besser, aber musste immer an das denken, was die Therapeutin mir sagte. Ich stellte mir die Frage, darf ich, nach dem was ich erlebt habe, überhaupt glücklich sein? Rede ich mir womöglich ein, dass ich glücklich bin? Warum fiel es mir so leicht, den Kontakt zu meiner Schwester und zu meinen Eltern abzubrechen? Muss ich nicht traurig sein? Bin ich zu rational und verdränge meine Gefühle?

Im ersten Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin hier erzählte ich, warum ich letztes Jahr eine Krise oder eine Art Burn-out hatte, was in meiner Kindheit passiert ist, was sich verändert hat im vergangenen Jahr. Sie fragte mich, was mein Ziel in der Reha ist. Mein Ziel ist es Klarheit zu gewinnen, mit mir und meinen Entscheidungen ins Reine kommen. Sie sagte: „Okay, alles kann, nichts muss.“ Für mich die erste große Erleichterung.

Einen Tag später Zweitsicht bei der Oberärztin Frau Dr. Möhnesee. Ihre Aufgabe ist es, die Ergebnisse/ Erkenntnisse der Bezugstherapeutin in diesem Zweitgespräch zu „prüfen“. Ggf. würde sie darüber entscheiden, welche Antidepressiva, die richtigen wären.
Ich erzählte ihr also wieder, das was ich der Bezugstherapeutin erzählt habe, in Kurzform. Sie schaut mich an und beginnt mit: „Frau Wray, Sie sind zu gesund für eine Reha. Was Ihnen passiert ist, ist schlimm. Keine Frage! Aber sie haben einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wie sie gesagt haben, was passiert ist, hat sie geprägt, es bestimmt aber nicht Ihr Leben. Sie haben bereits die richtigen Entscheidungen getroffen. Sie werden sich als Kind Ihrer Eltern immer wieder fragen, ob es richtig ist, keinen Kontakt zu haben, das ist vollkommen normal. Es kommt aber nur auf das Ergebnis an und das ist, sich abzugrenzen. Sie müssen Ihr Trauma nicht aufarbeiten. Wenn sie nicht das Gefühl haben, dass etwas Schlimmes passieren wird, warum auch. Ich habe nie davon gehört, dass sich deswegen ihre Erlebnisse bei ihren Kindern wiederholen müssen. Ich habe das Gefühl, dass sie gut auf Ihre Kinder aufpassen.
Sie müssten eigentlich einen Wellness-Urlaub machen, aber trotzdem können Sie hier bleiben.“

Wow! Ich rationalisiere nicht, sondern bin reflektiert, habe mich mit meinem Trauma auseinander gesetzt und kann offen darüber sprechen.

Augen auf bei der Therapeuten-Wahl, sage ich dir. In Zukunft werde ich versuchen, mich stärker auf meine Intuition zu verlassen. Hätte ich meine aufkommenden Zweifel ernst genommen und hätte einen anderen Therapeuten gesucht, hätte ich früher Klarheit gewonnen und wäre gar nicht hier! Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette. Jammern bringt jetzt nix, aber in Zukunft werde ich anders handeln.

Liebe Grüße!

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2. Teil – Briefe aus der Reha in Bad Jetwede

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