Lasset die Kinder zu mir kommen!

Ich hatte immer Angst vor dem Pastor der Gemeinde. Wenn ich ihn sah, was häufig geschah, da er nebenan mit seiner Familie wohnte, ging ich ihm aus dem Weg. Er war ein sehr strenger und autoritärer Vater. Wie er als Pastor war, kann ich nicht sagen.

Er hatte fünf oder sechs Kinder, die beiden jüngsten Kinder Benjamin und Andreas waren ungefähr in meinem Alter. Der jüngste, Benjamin, war extrem schüchtern und leidete sehr unter Andreas, der ca. zwei Jahre älter gewesen sein muss. Andreas war das Gegenteil von Benjamin. Wild, laut, er machte sehr viel Unsinn und wenn er es für richtig hielt, schlug er zu.

Ich kann mich erinnern, wie er Lehm an das Garagentor seines Vaters warf. Wie er auf ein Auto kletterte und auf dem Autodach herumsprang. Wie er mir beinah eine Gartenharke auf den Kopf geschlagen hätte, wenn meine Schwester ihn nicht mit einem gezielten Tritt in den Arsch daran gehindert hätte. Wie er immer wieder mit seinen Fäusten auf den Rücken seines Bruders trommelte, der es nicht wagte sich zu wehren.

Jedes Mal wenn eine seiner Missetaten entdeckt wurde, konnte man seinen Vater in der ganzen Siedlung nach ihm schreien hören. Wer möchte, kann sich das in der Tat so vorstellen, wie auf dem Katthult Hof, wo der Vater nach Michel ruft und ihm auf der Flucht zum Schuppen hinterherrennt. Für Andreas gab es aber keinen Schuppen, der ihn vor der Wut seines Vaters schützen konnte. Wenn er ihn geschnappt hatte, bekam er diese Wut zu spüren. Der Pastor der Gemeinde schlug auf seinen Sohn ein, ohne Gnade, ohne Rücksicht. Wir waren dabei, wir sahen alles.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich darüber mit meinen Eltern gesprochen habe. Es ist für mich unvorstellbar, dass ein Kind auf so eine Weise bestraft wird, die von allen beobachtet werden kann und es keiner für nötig hält einzuschreiten. Seit dem Jahr 2000 haben Kinder in Deutschland das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Erst seit 2000!

Meine Geschwister und ich wurden auch geschlagen, hinter verschlossener Tür. Meine Schwester erzählte mir, dass es immer wieder zur folgenden Situation kam. Wir waren mit meiner Mutter im Auto unterwegs. Eine Mutter mit vier Kindern in einem Auto. Unter uns kam es häufig zu Streit. Meine Mutter ermahnte uns, einmal, zweimal, dreimal. Es half nichts und als meiner Mutter die Nerven durchbrannten sagte, sie dass Zuhause eine Tracht Prügel auf uns wartete. Und so war es. Wir stellten uns der Reihe nach auf und meine Mutter arbeitete ihre Wut an uns ab. Ich kann mich daran nicht erinnern, vielleicht weil ich als jüngste verschont blieb, vielleicht weil ich mich nicht erinnern will oder kann.

Meine Mutter schlug mit der flachen Hand zu. Nachdem sie sich mit einem elektrischen Brotmesser in die rechte Hand geschnitten hatte, nahm sie einen Handfeger zur Hilfe. Denn das Schlagen mit der Hand schmerzte sie nach diesem Unfall zu sehr. Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, dass es für mich eine Tracht Prügel setzte, nachdem ich meine Schwester im Gesicht gekratzt hatte. Meine Mutter hatte große Angst davor, dass ihre Töchter Narben im Gesicht haben könnten. Sie sagte einmal zu mir, dass uns dann kein Mann mehr haben wolle. Ich glaube, dass sie das nicht ernst gemeint hat. Ich antwortete ihr jedenfalls in meiner kindlich nüchternen Art, dass einem Mann, der mich liebte, Narben egal seien.

Sonntags in der Kirche predigte der Pastor von der Kanzel:

„Und Jesus sagte, Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes! Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Die Gemeinde, meine Eltern, hörten aufmerksam zu.

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