Eckard_Tolle

„Einmal Opfer, immer Opfer!“ Das sagte meine Schwester am Telefon.

Zu Beginn meiner Therapie dachte ich, ich müsse mich an alles erinnern können. Meine Therapeutin unterstütze das. In der zweiten Sitzung begann sie mir Körperübungen zu erklären, die mich zu meinen Erinnerungen zurückführen sollten. Ich habe mich wirklich bemüht ihren Anweisungen zu folgen. Ich dachte, dass ich nichts zu verlieren habe, wenn ich etwas versuche, was so gar nicht mir entspricht. Die ganze Sache sollte mir ja keinen Spaß bereiten, sondern mein Trauma heilen. Aber so sehr ich auch „turnte“, es tat sich nichts.

Ich fragte meine Schwester nach ihren Erinnerungen. Per SMS. War es selbstsüchtig sie das zu fragen? Ja. Würde ich es wieder tun? Nein. Ich dachte, ihre Gedanken zu hören, würde mir den Zugang zu dem geben, was im Verborgenen lag.
Sie war nicht bereit zu sprechen. Ich habe das verstanden und respektiert.

Die Therapie schritt weiter und es gab keine Fortschritte in Hinsicht auf meine Erinnerungen. Ich merkte, dass die Therpeutin nicht locker lassen wollte.

Ich kann heute mit Überzeugung sagen, dass sie für mich nicht die richtige Therapeutin war, aber nichtsdestotrotz hat sie in mir viele Prozesse angestoßen. Gerade dadurch, dass sie in fast allen Punkten eine andere Meinung als ich hatte. Oder es vorgab. Vielleicht war das ihre Strategie, um mich aus der Reserve zu locken? Ich weiß es nicht.

Ich kam zu dem Punkt, an dem ich mich entschied, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wenn meine innere Blockade so stark war, wollte ich nicht weiter dagegen ankämpfen.

Eines Abends meldete sich meine Schwester per Telefon. Sie weinte. Sie wollte mit mir doch über alles sprechen. Ich war überfordert. Jetzt, wo sie dazu bereit war, hatte ich das Thema Erinnerungen abgeschlossen. Ich wollte das nicht hören, weil es für mich keine Bedeutung mehr hatte. Ich hatte für mich entschieden, nach vorne zu schauen. Natürlich mit dem Bewusstsein darüber, was geschehen war, aber mit der Entschlossenheit, dass es nicht mein Leben bestimmen soll.

Sie quälte das schlechte Gewissen, dass sie mich nicht beschützt hatte. Ich war wie im Taumel. Nicht beschützt? Ich sagte ihr, dass sie selber Opfer war, dass sie zu klein war, um mich zu beschützen.

„Einmal Opfer, immer Opfer!“ erwiderte sie.

In diesem Moment war mir klar, dass wir uns nicht gegenseitig helfen können.

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