5. Sitzung

Hoffnung

Patientin: Ich habe die Gedanken aufgeschrieben, die ich während der Sitzung letzte Woche nicht aussprechen konnte. Ich würde sie vorlesen.

Therapeut: Ja, gut.

Patientin liest vor.

Therapeut: Das ist mutig.

Patientin: Nein, das ist erbärmlich.

„Könnt ich einen einzigen Tag nur in meinem Leben dir gefallen,
um dann ein einziges Mal nur in deine Arme zu fallen.“
aus ‚Wie soll ein Mensch das ertragen‘ von Philipp Poisel

5. Sitzung

Es war kompliziert, es ist kompliziert und es bleibt kompliziert.

Im letzten Jahr las ich den Beitrag „Entschuldigen Sie, ich liebe Ihren Mann!“
auf mama-arbeitet.de und machte mir zum Thema Affären so meine Gedanken. Und in der Tat ist es ein Thema, das mich lange nicht losließ. Wahrscheinlich auch weil mama-arbeitet auch auf twitter regelmäßig über das Ende ihrer Affäre und die Zeit danach berichtete.

Ich liebe meinen Mann. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Ich brauche ihn. In zwei Jahren werde ich die Hälfte meines Lebens mit ihm verbracht haben. Die bessere, die glücklichere Hälfte. Das bedeutet aber auch, dass er seit fast 20 Jahren der einzige Mann ist, den ich küsse, mit dem ich Sex habe, der mein Innerstes berührt. Ist die Liebe, auch die körperliche, eine exklusive Angelegenheit zwischen zwei Menschen?

Ich bin nicht auf der Suche nach einem anderen Mann. Manchmal aber findet man Dinge. Ganz ohne jede Absicht. Im Februar 2014 lernte ich einen Mann kennen. Nicht im privaten Umfeld, eher im „beruflichen“, obwohl es das auch nicht richtig trifft. Ein durchaus interessanter Mann, der gut zuhören kann. Ich habe ihm sehr viel erzählt. Während unserer Termine habe ich geredet und geredet und geredet. Über mich, offen und ehrlich, was mir sonst schwer fällt. Im Prinzip war ich gar nicht der Anlass für diese Termine, aber ich redete fast auschließlich über mich und er hörte mir zu. Ich fühlte mich verstanden und das tat mir unglaublich gut. Aber ich versuchte mir darüber hinaus keine Gedanken zu machen. Ich hatte romantische Gefühle für ihn, aber ich verdrängte sie. Zu kompliziert.

Vor 4 Monaten, genau zwei Jahre nach dem ersten Treffen, begegnete ich diesem Mann erneut. Und da waren sie wieder, die verdrängten Gefühle. Es ist doch ohnehin schon alles so kompliziert in meinem Leben, warum dann auch noch er? In den letzten Wochen haben wir uns mehr oder weniger regelmäßig gesehen und ich werde mir nicht eingestehen, dass ich in ihn verliebt bin.

Ich habe drei Kinder, habe gerade eine neue Therapie begonnen, mein Studium läuft schleppend, ich habe das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr auf die Reihe kriege, ich liebe meinen Mann und da brauche ich keine Schmetterlinge in meinem Bauch, die alles noch viel komplizierter machen.

Heute war endlich der finale Termin. Ich würde ihn das letzte Mal sehen. Mein Plan war das Treffen gut über die Bühne zu bringen und ihn anschließend nie wieder zu sehen. Vorbei und (hoffentlich) schnell vergessen.

Es war ein Spitzen-Plan! Nur leider, wie sich im Gespräch herausstellte, hat sich ein neues Problem ergeben und weitere Termine sind notwendig. Ich glaube nicht an Schicksal, Fügung oder einen Gott, aber falls da doch irgendwas ist, was die Geschicke lenkt, wäre es sehr nett, wenn das mit diesem Mann jetzt aufhören könnte. Bitte. Danke.

Es war kompliziert, es ist kompliziert und es bleibt kompliziert.

We don’t need no water…

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Vor einiger Zeit habe ich ‚Die Gewissensfrage‘ zum Thema Tagebücher gelesen und mich selbst gefragt, ob ich möchte, dass meine Kinder später meine Tagebücher lesen.
Ich habe ca. mit 11 Jahren begonnen Tagebuch zu führen und mache dies seit fast 20 Jahren nicht mehr. Vor allen Dingen geht es um die Streitigkeiten mit meiner Freundin und um Jungs, Jungs, Jungs und Jungs. Jungs, die ich oder meine Freundin toll oder eben gar nicht toll fanden, zu denen mir aber inzwischen so gut wie jede Erinnerung fehlt. Davon abgesehen ist das alles auch sehr langweilig, weil mit wenigen Ausnahmen nie etwas besonderes passiert ist. Es handelt sich also im Großen und Ganzen um Gedanken eines sehr unsicheren und pubertierenden Mädchens, die niemand lesen sollte.
Ich mache mir immer noch sehr, sehr viele Gedanken und bin weiterhin sehr unsicher. Ich möchte mich nicht mehr mit meinen Gedanken aus Teenagerzeiten beschäftigen und so werde ich die Bücher verbrennen. Gedanken werden zu Schall und Rauch…

We don’t need no water…

Tagebucheinträge

Triggerwarnung: sexueller Missbrauch

09.06.1995

Es gibt gewisse Dinge, die man einfach aus seinem Gedächtnis streichen möchte! Doch leider… Ebenfalls ist es vergeblich mit seinen Eltern zu reden. Mutter: „Bist du dir sicher, es nicht nur geträumt zu haben?“ Dies war ein gescheiterter Versuch vor einem Jahr.
Und leider wird man immer wieder davon eingeholt! Warum? Es wäre viel einfacher, es zu vergessen. Es ist es nicht wert, einen Gedanken daran zu verschwenden.
Scheiße! Es wird mein ewiger Verfolger sein. Ich habe deswegen keine Hassgefühle. Eigentlich ist es mir egal. Doch mach das meinem Verstand klar. Hört sich alles ziemlich locker an.
Doch ist es für mich so schlimm, dass ich es noch nicht einmal aufschreiben kann!

Tja, Jennifer, wenn du dies mal irgendwann liest, hast du es dann schon so weit verdrängt, dass du nicht weißt, was ich gerade ich hier schreibe? I hope so, irgendwie!

13.10.1995

Ich glaube, ich habe noch nie jemanden geliebt. Ich weiß nicht, ob ich mich liebe. Als ich ungefähr 4 oder 5 Jahre alt war, habe ich bei meinem Bruder im Zimmer übernachtet. Er war da ca. 13 Jahre. Jedenfalls hat er mich betoucht, nicht vergewaltigt, aber angefasst. Damals habe ich das auch meinen Schwestern erzählt, aber S. meinte, dass das nicht stimmen würde. Vor ungefähr 2 Jahren ist mir das wieder eingefallen/ bewusst geworden. Frag mich nicht wieso. Als ich das meinen Eltern erzählte, sagte meine Mutter, warum ich mich erst jetzt wieder daran erinnern kann, und ob ich mir sicher wäre, dass ich das nicht nur geträumt habe. Mein Vater sagte, dass Jungs in diesem Alter neugierig wären, und dass er es ja nicht mit böser Absicht getan hat. Ich denke mal, dass sie mir gar nicht geglaubt haben. Aber meine Mutter hat mich noch mit ihren schlechten Erfahrungen zu gequatscht. Ach ja, außerdem sagte mein Vater, dass mein Bruder inzwischen wahrscheinlich vergessen hat, was war. Falls er Alzheimer hat dann schon.

Aber wie ich mich fühle, und dass ich es leider nicht vergessen habe, ist nicht so wichtig.

05.10.1996

Das was mein Bruder mit mir gemacht hat, hat er auch mit meiner Schwester gemacht. Na ja, er hat es wohl auch zugegeben, auch ganz nebenbei. Ich habe mich an dir vergriffen und morgen esse ich Pizza. Arschloch. Also hat er es wohl doch nicht vergessen, wie mein Vater sagte. Er war mind. 12 Jahre alt. Und so kann es auch nicht am kindlichen Interesse am anderen Geschlecht gelegen haben, wie mein Vater sagte. Mit 12 muss man nicht seine Schwestern anpacken, um Erkenntnisse zu gewinnen. Auch egal. Ich will auch gar nicht wissen, warum er es getan hat.

Tagebucheinträge

Gestern. Auf der Hohenzollernbrücke.

Ich gehe. Ruhelos. Am Dom vorbei. Gehe vorüber am Hauptbahnhof. Ich höre „Steine“ von Bosse und denke an die Steine, die ich in mir trage, die Steine, die ich noch essen werde.

Ich  betrete die Hohenzollernbrücke und schaue auf die Menschen, die am Rhein flanieren. Ich gehe weiter und betrachte den Rhein und in mir steigt die Sehnsucht auf in ihn zu gleiten. Umgeben vom Rhein, eins mit dem Wasser, mich treiben lassen. Das Wasser flutet meine Ohren und endlich Ruhe. Es wäre so einfach über das Brückengeländer zu steigen. Ich erschrecke und weiche nach links aus, den Blick geradeaus.

Mein Smartphone signalisiert eine eingegangene E-Mail. Ich schaue nach und es ist die vierte E-Mail, die mir mein Vater an diesem Wochenende schickt. Der Inhalt belanglos, der Text kurz, aber sie trifft mein Inneres. Warum lässt er mich nicht endlich in Ruhe? Warum können meine Eltern mich nicht in Ruhe lassen? Warum baggern sie immer weiter? Sie hängen an mir dran und ich glaube in diesem Moment nicht daran, dass sie irgendwann Ruhe geben werden. Wie sehr ich mich nach Ruhe sehne.

Ich habe mehr als mein halbes Leben versucht meinen Eltern alles recht zu machen. Es war nie genug, egal wie sehr ich mich verbogen habe, nie war es gut genug. Und jetzt, wo ich sie darum bitte, mich mein Leben leben zu lassen, hören sie nicht auf an mir zu ziehen und es zerreißt mich.

Aber ich gehe weiter, ich schaue geradeaus, lasse den Rhein rechts liegen. Ich fahre zu meiner Familie, ich küsse meine Kinder und sage ihnen „Gute Nacht“ und endlich kann ich weinen. Mein Mann hält mich fest.

Gestern. Auf der Hohenzollernbrücke.

Let’s talk about sex!

Wie war das denn damals noch? Damals, vor über 20 Jahren, als ich 17 war und das erste Mal Sex hatte.

Meine Mutter ist mit den Themen Aufklärung und Sex relativ offen umgegangen. Was mein Vater dazu gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Ich denke es war wahrscheinlich (wie fast zu allen Themen): nichts. Ich wusste also ziemlich gut darüber Bescheid, wie Babys entstehen, und zwar bevor ich wusste, was die Blümchen und die Bienchen eigentlich so treiben.

Meiner Mutter wurde in ihrer Kindheit erklärt, dass die Hebamme die Babys in einem Koffer mitbringt. (Irgendwie steckt in dieser Aussage ja auch ein Fünkchen Wahrheit.) Jedenfalls war es ihr wichtig, dass wir, meine Geschwister und ich, Bescheid wissen.

Sie sagte mir, als ich ungefähr 12 war, dass Sex etwas Besonderes wäre und ich auf den Richtigen warten sollte. Denn wenn ich einmal Sex gehabt hätte, würde ich es immer wieder wollen. Das ging so in Richtung „Kein Sex vor der Ehe“, wobei meine Mutter so liberal war, ein Zugeständnis zu machen. Die Eheschließung müsste nicht zwingend abgewartet werden, aber es sollte dann bitteschön schon der zukünftige Ehepartner sein.

Mein Bruder und meine älteste Schwester haben das tatsächlich so gemacht. Mein Bruder hat mir das auch versucht anhand eines Bildes deutlich zu machen. Eine Frau wäre wie ein Apfel. Jeder Mann, auf den sie sich einlassen würde, wäre wie ein Biss in diesen Apfel. Im schlimmsten Fall wäre von der Frau schlussendlich nur noch die Apfelkitsche übrig. (Zu dieser Aussage schreibe ich an dieser Stelle nicht mehr, da ich sonst kotzen muss.)

Mir war ziemlich schnell klar, dass ich weder auf den zukünftigen Ehemann noch die Eheschließung warten würde. Jetzt bin ich in einer Kleinstadt aufgewachsen und selbst, wenn es jemanden gegeben hätte, der für mich in Frage gekommen wäre, hätte ich mich nicht darauf eingelassen. Weiß es einer, wissen es alles. Es war aber so, dass ich das erste Mal hinter mir haben wollte. Ich wollte es abhaken. Es sollte erledigt sein. Ich hatte keine romantischen Absichten. Es war ein Punkt auf meiner To-do-Liste. Und das vielleicht auch aus der trotzigen Haltung einer Pubertierenden heraus. Und als Opfer von sexuellem Missbrauch, dass sich fragt, ob es nach diesen Erfahrungen für immer „unfickbar“ bleiben wird.

Mit 17 lernte ich einen Mann aus der nahegelegenen Großstadt kennen. Ich war furchtbar naiv und fühlte mich doch so abgeklärt. Er wollte mich, weil ich Jungfrau war. Ich wollte ihn, um keine Jungfrau mehr zu sein. Wir haben uns ungefähr zwei Monate lang getroffen. Die meiste Zeit verbrachten wir im Bett, wobei ich glaube, dass wir trotzdem nur zwei- oder drei Mal Sex hatten.

Ich hatte Sex gehabt und hatte es überlebt. Einfach so.

Let’s talk about sex!

12 von 12 – Dezember 2015

Heute mache ich zum ersten Mal bei 12 von 12 mit. Die Erklärung dazu findet ihr hier. Alle Beiträge kann man sich hier anschauen.

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1. Kaffee: Die Kinder sind wach, spielen aber in ihren Zimmern. Ich genieße den ersten Kaffee des Tages.
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2. Blutdruck-Kontrolle: Letzte Woche hat mir mein Hausarzt pflanzliche Tropfen empfohlen, um meinen Blutdruck zu steigern. Bisher ohne Erfolg.
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3. Weltpremiere: Ich gehe zum ersten Mal „alleine“ mit meinen Drei ins Schwimmbad. Es war ein voller Erfolg. Sehr beeindrucken konnte ich sie mit der Vorführung einer formvollendeten Arschbombe. In der Familienumkleide waren sie sich dann alle drei darüber einig, dass ich lange Brüste habe, und es ist sehr schade, dass ich jetzt nie wieder mit ihnen schwimmen gehen kann.
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4. Pommes: Nach dem Schwimmen muss ich immer an den Pawlowschen Hund denken, denn für meine Kinder gehört zum Schwimmbad untrennbar die Pommesbude. Der Speichelfluss setzt ein sobald die Haare trocken sind.
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5. Adventsbasteln (extern): Nach einer kurzen Pause bringe ich die beiden älteren zu einer Adventsfeier, bei der sie sehr viel Spekulatius essen und Weihnachtskarten basteln.
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6. Als ich wieder Zuhause bin, trinke ich meinen dritten Kaffee.
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7. Dazu esse ich selbstgebackenen Stollen (ohne Rosinen, Zitronat oder Orangeat). Sehr lecker!
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8. Anschließend steht ein bisschen Hausarbeit auf dem Programm. So much fun!
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9. Währenddessen repariert mein Mann den PC, indem er irgend einen Stecker zieht und wieder einsteckt. Ich bin davon sehr beeindruckt, denn ich bin vollkommen ahnungslos, was Technik betrifft.
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10. Blutdruck-Kontrolle (2. Teil): Meinen Blutdruck lässt das alles kalt, er ist weiterhin zu niedrig.
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11. Adventskalender: Ich lese den Kindern den 12. Abschnitt vor und um tumultartige Ausschreitungen zu vermeiden, klebe ich wie jeden Abend das dazugehörige Folienbild auf. Die Kinder mögen die Geschichte gerne, ich leide ein wenig während des Vorlesens.
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12. Anschließend noch die zweite Abendlektüre. Als Kind habe ich die Geschichte von Rübezahl auf LP gehört, vorgelesen von Hans Paetsch mit seiner wundervollen Stimme. An den Inhalt kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern, so dass ich es nun gemeinsam mit meinen Kindern erfahre, wie Rübezahl zu seinem Namen kam.
12 von 12 – Dezember 2015